Buch,  Literatur,  Rezension

Rezension | Du wolltest es doch

Emma lügt, stiehlt und hat ein zu großes Ego: Keine guten Karten, trotzdem hält sie sich für eins der beliebtesten Mädchen der Schule. Bis sie betrunken und unter Drogen in einem Schlafzimmer verschwindet. Mit ihr einer der Sportstars ihres kleinen, irischen Städtchens, und ein paar weitere Jungs. Am nächsten Tag wacht sie vor ihrem Haus auf, mit Verbrennungen am ganzen Körper und Fotos, die durchs Netz kursieren. Doch hat sie es nicht herausgefordert? Hat sie es nicht selbst gewollt – Emma, deren Leben nie wieder sein wird wie vorher?

„Du wolltest es doch“ ist eins der meistdiskutierten Jugendbücher des Jahres – und das völlig zurecht. Ich war anfangs sehr verblüfft, dass es überhaupt ein Verlag wagt, ein derart kontroverses Thema auf den Markt zu hauen. Und ich habe die Diskussionen der letzten Wochen sowie die ersten Rezensionen sehr sorgfältig verfolgt. Inzwischen wissen viele, worum es hier geht: Um Vergewaltigungen und deren Wahrnehmung in unserer Kultur. Und in meinen Augen hat Carlsen mit Louise O’Neill doch das wichtigste Buch des Jahres rausgegeben.

Bei mehreren Bloggern habe ich inzwischen gelesen, dass sie sich von Anfang an in eine gewisse Richtung gedrängt fühlten und dass Emma, die anfangs als absolut unsympathisch dargestellt wurde, keine Person war, zu der man Nähe aufbauen konnte. Ich möchte das auch gar nicht abstreiten oder hier jemanden bloßstellen, denn ich kann auch diese Meinung vom Buch gut verstehen. Bei mir hat aber gerade diese Antipathie Emma gegenüber dazu geführt, dass ich doch noch schockierter von den Ereignissen war.

Emma ist keine Sympathieträgerin, das stimmt. Sie trifft viele falsche Entscheidungen, und als es zu der Nacht kommt, an die sie sich nicht erinnern kann (und auch nicht will), eskaliert alles. Aber gerade dafür fand ich diese Darstellung so wichtig: Selbst solchen Personen, die man als vollkommen arrogant, selbstbezogen und falsch wahrnimmt, darf man nicht die Schuld geben. Selbst solche Personen verdienen das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden, und dieses Recht wird Emma auf grausige Art abgenommen. Was folgt, ist eine sehr realistische und heftige Kampagne auf Social Media, die Medien wiegeln das Thema weiter auf, und Emma kann nicht abschließen. Sie wird zu einem neuen Menschen, und gerade der Punkt hat mich sehr tief berührt.

Was ich sehr stark an diesem Buch fand, war die Schonungslosigkeit der Ereignisse. Seien es Emmas Gefühle oder der Umgang der Menschen in Ballinatoom damit – sie ist die Ausgestoßene, die Unreine. Sie ist selbst schuld. Bis auf wenige Ausnahmen glauben das alle, und selbst ihren Eltern merkt man an, dass sie ihr Kind nur verteidigen, um ihr Selbstbild der Familie aufrechtzuerhalten. Das Ende war daran besonders schockierend, aber für mich nicht überraschend. Ich habe damit gerechnet, weil es zu oft passiert. Weil der Druck am Ende doch manches Mal den Kampf nicht wert zu sein scheint.

Mich hat dieses Buch unheimlich geflasht. Viele kamen wohl auch mit der Schreibweise nicht ganz klar, aber gerade Emmas Gedankenwelt und auch ihr Verhalten am Anfang haben mich in den Bann gezogen. In einer Welt, die ihr von klein auf Schönheit und Verführung eintrichtert, kann sie sich nicht gegen das Bild wehren, das sie abgeben will. Man merkt deutlich, dass Emma viele Probleme hat. Das ist keinerlei Entschuldigung dafür, andere so zu behandeln, wie sie es tut. Und doch zeichnet es meiner Meinung nach genau auf, was in unserer Gesellschaft vor allem in der Erziehung junger Mädchen noch falsch läuft. Slutshaming und Rapeculture kommen nicht von irgendwoher. Und da ist auch das Problem verwurzelt. Sei verführerisch, sei nicht prüde, aber hab um Gottes willen keinen Sex – und wenn du doch welchen hast, stell sicher, dass es dem Jungen dabei gut geht.

„Du wolltest es doch“ ist ein Buch, das zurecht die Gemüter spaltet. Es ist kontrovers, es ist nicht alltäglich, aber vor allem ist es eins: wichtig. Solche Themen sind das, was auch die heutige Jugend stark bewegt, was immer wieder für Diskussionen sorgt, und man sollte auch darüber reden, um besser verstehen zu können, wieso heutzutage noch solch ein falsches Bild von Weiblichkeit und deren potenziellen Folgen vermittelt wird. Denn nur ein Ja heißt auch Ja, und das gilt für jeden.

© Carlsen, Hamburg

Autor: Louise O’Neill
Titel: Du wolltest es doch
Preis: 12,99€ (E-Book) | 18,00€ (HC)
ISBN: 978-3-551-58386-4
Verlag: Carlsen
Das Buch beim Verlag findet ihr hier: (X)

Klaudia, 21 Jahre, buchsüchtig. In der schönen Stadt Leipzig studiere ich Buchhandel & Verlagswirtschaft und bin als Lektorin und Korrektorin tätig. Das Bloggen ist meine Passion und mein Ausgleich, weshalb ich Herzdeinbuch so oft wie möglich mit neuen Rezensionen, Kolumnen und kreativen Beiträgen fülle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.